Sudetendeutsche Landsmannschaft
Landesgruppe Baden-Württemberg e.V.
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Drei Fragen an Bernd Posselt

 

Die Nachrichten der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg haben drei Fragen an Bernd Posselt MdEP a.D. Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe zur aktuellen Situation und zum Kriegsende vor 75 Jahren gestellt.

 

 

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Aus den deutschen Ostgebieten waren Millionen Menschen bereits auf der Flucht in Richtung Westen. Hinzu kamen die „wilden Vertreibungen“, die abgelöst wurden von Ausweisungen die, wie es im Potsdamer Protokoll heißt „daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.“

 

Flucht und Vertreibung prägten das Leben 15 Millionen deutscher Heimatvertriebener und deren Nachfahren. Kollektiv wurde man als Deutscher diskriminiert, entschädigungslos wurde Eigentum konfisziert, viele wurden zur Zwangsarbeit geschickt, Menschenrechte wurden missachtet. Die Erlebnisgeneration leidet bis heute.

 

Schon früh haben die Sudetendeutsche Jugend und die Deutsche Jugend in Europa ihre Fühler in die Heimat der Vorfahren ausgestreckt. Die Bekenntnisgeneration hat ihren Weg im Umgang mit den Menschen in den Herkunftsgebieten gefunden – nicht immer trifft das den Nerv derer, die selbst erleben mussten, wie es ist aus der Heimat vertrieben zu werden.

 

Seit Mitte März sind auf Grund der Corona-Pandemie sämtliche Veranstaltungen untersagt. Der Sudetendeutsche Tag wurde abgesagt, unzählige Kulturveranstaltungen fanden nicht statt. Was bedeutet das alles für die ehrenamtliche Arbeit der Sudetendeutschen, für die deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler? Hierzu hat die Redaktion der Nachrichten der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg drei Fragen an Bernd Posselt gestellt.

 

 

 

Herr Posselt, der Sudetendeutsche Tag 2020 wurde verschoben und soll auf andere Art stattfinden. Kein Sudetendeutscher Tag wie bisher bekannt. Was bedeutet das für die Sudetendeutsche Volksgruppe?

 

Bernd Posselt: Dies wird für mich das erste Pfingstfest seit 44 Jahren sein, das ich nicht als Mitorganisator des Sudetendeutschen Tages verbringe. Wenn ich daran denke, fühle ich jetzt schon eine große Leere. Dies wird sicher vielen Landsleuten so gehen, zumal wir auch von unserer Wurzelheimat in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien abgeschnitten sind, wo gerade im Sommer sonst viele Wallfahrten und sonstige Begegnungen stattgefunden hätten. Außerdem begehen wir den 75. Jahrestag des Beginns der Vertreibung zwangsläufig in beeinträchtigter Form. Aus allen diesen Gründen hoffe ich sehr, daß wir im Herbst am ebenfalls verschobenen Brünner Friedensmarsch teilnehmen sowie im November unseren Kleinen Sudetendeutschen Tag in München durchführen können. Auch medial versuchen wir sehr präsent zu sein. Für 2021 freuen wir uns dann wieder auf ein großes Pfingsttreffen in Regensburg.

 

Herr Posselt, Abschottung als Stichwort. Sehen Sie eine Gefahr für Europa und wird sich das nachhaltig auf die Beziehungen zur Tschechischen Republik auswirken?

 

Bernd Posselt: Es besteht die ganz reelle Gefahr, daß der Ausnahmezustand der letzten Monate für eine Zersplitterung der Europäischen Union mißbraucht wird, mit gefährlichen Folgen nach außen und nach innen. Jetzt schon spüren wir die schweren menschlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Nachteile, die dadurch entstehen, daß geschlossene Binnengrenzen grenzüberschreitend zusammengewachsene Euroregionen wie zwischen Baden-Württemberg und dem Elsaß, Bayern und Böhmen, Bayern und Österreich oder Österreich und Südtirol durchschneiden. Der Neustart Europas nach der Krise wird eine Bewährungsprobe auch für uns Sudetendeutsche. Er wird nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig und seelisch sein müssen. Da haben wir als Brücke zwischen unseren heutigen Wohnorten und der Wurzelheimat eine wesentliche Funktion für ganz Mitteleuropa.

 

Herr Posselt, die Ziele der Sudetendeutschen Landsmannschaft wurden 2015 in einer Grundsatzerklärung beschrieben. Wie fällt Ihr Resümee nach fünf Jahren aus? Wo sehen Sie Erfolge oder wo gilt es nachzuarbeiten?

 

Bernd Posselt: In unserer Grundsatzerklärung haben wir unsere dauernd gültigen Ziele in einer Form präzisiert, die berücksichtigt, daß wir nicht mehr nach dem Zweiten Weltkrieg leben, wo viele noch an eine weitgehend geschlossene Rückkehr in die Heimat geglaubt haben, sondern im 21. Jahrhundert zu einer Zeit, in der der Eiserne Vorhang seit mehr als dreißig Jahren gefallen ist und die Tschechische Republik wie Deutschland der EU angehört. Sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen war weder Verzicht noch Verrat, wie uns manche unterstellen, sondern die Voraussetzung dafür, daß wir in Deutschland, der Tschechischen Republik und auf europäischer Ebene weiter als Faktor ernst zu nehmen sind. Dies ist uns, glaube ich, recht gut gelungen, jedenfalls besser als vielen anderen Vertriebenenorganisationen. Dazu hat auch unsere Präsenz in der Heimat einschließlich des Prager Büros wesentlich beigetragen. Grundlage bleibt aber eine aktive Gebietsgliederung, wie sie die SL Baden-Württemberg dankenswerterweise ist. Dies müssen wir für die Zukunft bewahren und weiterentwickeln. Wir haben hier und in der Tschechischen Republik ein sehr gutes Netzwerk an Kontakten. Es gilt aber, daran weiterzuarbeiten, bis wir mit unseren Anliegen hier wie dort sowohl bei der Mehrheit der Menschen als auch bei den Entscheidungsträgern verstanden und unterstützt werden. Dies ist ein langer und schwieriger Weg, den wir aber mit Geduld, Klugheit und einem festen Zusammenhalt bewältigen können. Mit lauten Parolen und internem Hickhack erreichen wir jedenfalls nichts.

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